04.08.1868 in Dortmund-Barop - 14.03.1950 in New York

Religionszu­gehörigkeit: jüdisch
Eltern: Jeanette Neugarten, geb. Goldbach und Moses Neugarten (28.10.1827 in Huckarde - 11.12.1888), Handelsmann
Geschwister: Fanny Neugarten (13.01.1876 - 22.04.1881), Hermann Neugarten (geb. 04.03.1880 - 24.02.1945), Manuel/Samuel Neugarten (geb. 15.06.1885)
Ehemann: Albert Eichmann (22.08.1867- 30.03.1964)
Kinder: Irma Eichmann (12.02.1895 in Hagen - 25.03.1920 in Moers)
Alfred Eichmann, später Alfred G. Eyck (23.07.1897 in Hagen)
Lotte Goldstein, geb. Eichmann (14.01.1912 in Detmold)
Beruf: o. B., Hausfrau, Fabrikantengattin (laut Meldekartei)

 

Wohnorte: Dortmund-Barop
Duisburg
Hagen
20.11.1913 Detmold, Bahnhofstr. 3 b. Sinalco AG
22.11.1923 Düsseldorf
06.12.1923 Detmold, Bahnhofstr. 3
23.01.1933 Detmold, Rosenstr. 4 b. Hofmann
01.10.1938 Wehrenhagenstr. 16 b. Plaut
16.09.1939 abgemeldet nach New York, USA

 

Lina Neugarten stammte aus Barop, einem Stadtteil von Dortmund, und heiratete am 28. April 1894 Albert Eichmann aus Essen in Dortmund-Dorstfeld. Ihre Kinder Irma und Alfred kamen zwei bzw. vier Jahre später in Hagen zur Welt. 1907 zog die Familie nach Detmold, wo Albert Eichmann zusammen mit seinem Schwager Hermann Neugarten die 1906 gegründete Möbelfirma "Neugarten & Eichmann", später "Vereinigte Möbelwerke", an der Orbker Straße 41-47 (heute: Industriestraße 39-47) führte. Einen weiteren Firmensitz gab es auch in Uslar.

Lina Eichmann engagierte sich in sozialen und auch in politischen Bereichen. So war sie nicht nur als ‚jüdische Wohltäterin' bekannt, sondern setzte sich aktiv für politische Bereiche wie die Erlangung des Frauenwahlrechts ein. Sie gehörte dem Detmolder Frauenrat an, der sich in bürgerlichen Kreisen am 17. November 1918 und damit nur wenige Tage nach der Absetzung von Fürst Leopold IV. und der Begründung des Freistaats Lippe gebildet hatte. Ziel dieses in Deutschland einzigartigen Frauenrates war das aktive Engagement in der aktuellen Politik. Inhaltliche Schwerpunkte bildeten unter anderem Frauenarbeit oder auch drohender Arbeitsverlust nach der Rückkehr der Kriegsteilnehmer. Lina Eichmann zog im Frühjahr 1919 für die liberale DDP (Deutsche Demokratische Partei) als erste Frau in die Detmolder Stadtverordnetenversammlung ein. Zwei Jahre später scheiterte sie allerdings am schwachen Wahlergebnis ihrer Partei.

Ihr soziales Engagement spiegelte sich unter anderem in ihrer Vorstandstätigkeit für den 1923 gegründeten Verein der Freunde des Detmolder Frauenheims, der die Petri-Stiftung unterstütze. In dieser Geburtsklinik erfuhren auch sozial schwache Frauen die notwendige Hilfe. Der von Lina Eichmann im Jahr 1930 gegründete und geleitete Jüdische Frauenbund zählte 45 Mitglieder. Noch galt sie in ihrem sozialen, konfessionsübergreifenden Verständnis als allseits beliebte Detmolder Persönlichkeit, bis sie sich in der NS-Diktatur gezwungen sah, ihre Tätigkeit auf die jüdische Gemeinde zu beschränken. Für ihre Wohltätigkeit und ihr soziales Engagement wurde sie in einem Glückwunschschreiben anlässlich ihres siebzigsten Geburtstags durch Moritz Herzberg im Namen der Synagogengemeinde Detmold und des Landesverbandes der Lippischen Synagogen-Gemeinden (s. Dokument 2) mit dem Ehrentitel "Mutter in Israel" (Em Bejisrael) gewürdigt, der auf den ältesten hebräischen Heldengesang, dem Deboralied (im Buch Richter, Kap. 4-5), zurückzuführen ist, in dem Debora als biblische Richterin, Prophetin und Anführerin geehrt wird.

Nach der Zwangsarisierung der Vereinigten Möbelwerke gelang es Lina und Albert Eichmann am 16. September 1939, also wenige Tage nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, Deutschland zu verlassen und in die USA auszuwandern, da ihre Kinder Alfred und Lotte bereits nach New York geflohen und in der Lage waren, ihre Eltern aufzunehmen.

Das Leben im Exil gestaltete sich auch für die Eichmanns schwierig, zumal Lina Eichmann über allenfalls rudimentäre Sprachkenntnisse im Englischen verfügte. Altersbedingt konnten das Ehepaar Eichmann keiner Arbeit mehr nachgehen, versuchten aber, etwa durch die Herstellung von Kandis, den ihr Sohn dann als Vertreter verkaufte, etwas zum Lebensunterhalt beizutragen. Belastet blieb der Alltag in der Fremde vor allem für Lina Eichmann durch Heimweh trotz allen erlebten Unrechts - so dokumentieren es ihre nachgelassenen Briefe. Beraubung, Drangsalierungen im nationalsozialistischen Detmold, die Last des Lebens im Exil, die Angst um die noch in Deutschland Verbliebenen und letztlich der gewaltsame Verlust von Angehörigen und Freunden führten zu schweren gesundheitlichen Problemen.

1946 erhielt Lina Eichmann die amerikanische Staatsbürgerschaft. Vier Jahre später starb sie laut Todesfallanzeige infolge eines Herzanfalls in New York.


Als Albert Eichmann 1951 für einige Zeit nach Detmold zurückkehrte, um die Rückerstattungsansprüche für sein früheres Möbelunternehmen zu klären, sorgte er laut Zeitzeugenbericht durch die Beisetzung der Urne seiner Frau auf dem jüdischen Friedhof in Detmold für ihre Heimkehr.

   

QUELLEN : StdA DT MK; LAV NRW OWL D 107/84 Nr. 853, 857, 1077, D 20 B Nr. 3301, 3499, D 1 BEG Nr. 7175; StdA Dortmund

LITERATUR : Mitschke-Buchholz (2013)

 

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Portrait: EICHMANN, Lina geb. Neugarten

Lina Eichmann, [o.J.], in: Moritz Rülf, Familienstammbaum Eichmann, Detmold 1931, S. XI

 

DOKUMENTE

Dokument 1

Meldekarte für die Familie Eichmann (StdADT MK)

 

Dokument 2

Glückwunschschreiben an Lina Eichmann durch Moritz Herzberg, Detmold 04.08.1938 (Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, Heidelberg B1.34 (Lippe) 857)